Ernährungstherapie bei Krebs

Warum ist Ernährung in der Onkologie so wichtig?

Die Diagnose Krebs verändert das Leben schlagartig. Neben der medizinischen Behandlung spielt die Ernährung eine oft unterschätzte, aber essenzielle Rolle. Bei Krebspatient:innen kommt es besonders oft zu Mangelernährung, schätzungsweise 30 bis 70 Prozent von ihnen sind betroffen.2 Doch wie erkennt man frühzeitig Warnsignale und welche Mythen rund um Ernährung bei Krebs halten sich hartnäckig?

Essen bedeutet für viele Menschen Genuss, soziale Interaktion und Lebensqualität. Doch mit einer Krebserkrankung kann sich das grundlegend ändern. Chemotherapie, Strahlentherapie und Operationen, aber auch moderne zielgerichtete Therapien können den Geschmackssinn verändern sowie Übelkeit oder einen verminderten Appetit verursachen. Dadurch kann es zu einem ungewollten Gewichtsverlust kommen – ein Risikofaktor, der häufig unterschätzt wird.

Dabei ist klar: Ein stabiler Ernährungsstatus verbessert die Verträglichkeit von Krebstherapien, senkt das Risiko für Komplikationen und erhöht die Lebensqualität.3 Doch welche Ernährung ist die richtige? Und warum ist es so wichtig, frühzeitig aktiv zu werden?

Ernährung als zentraler Faktor im Krankheitsverlauf

Die Ernährung spielt eine entscheidende Rolle für den Gesundheitszustand und die Therapieerfolge von Krebspatient:innen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass bis zu 60 % der Betroffenen an Mangelernährung leiden, was den Behandlungsverlauf erheblich beeinflussen kann.4 Das ist deshalb problematisch, weil ein Gewichtsverlust die körperliche Widerstandskraft verringern, die Verträglichkeit von Therapien verschlechtern und das Risiko für Komplikationen erhöhen kann.5 Da Tumore große Mengen an Energie benötigen, greift der Körper häufig auf seine eigenen Reserven zurück. Gleichzeitig können Appetitlosigkeit, Stoffwechselveränderungen und Nebenwirkungen der Therapie dazu führen, dass Patient:innen nicht ausreichend Nährstoffe aufnehmen.6 Eine frühzeitige Ernährungsstrategie ist daher essenziell, um den Körper zu stärken, die Muskelmasse zu erhalten und die bestmöglichen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Behandlung zu schaffen.

Bereits ein ungewollter Gewichtsverlust von nur 5 % kann die körperliche Belastbarkeit verringern und die Wirksamkeit der Therapie beeinflussen.5 Eine frühzeitige Ernährungsintervention kann helfen, den Körper zu stärken und die Lebensqualität zu erhalten. Die gute Nachricht: Mangelernährung ist behandelbar – wenn sie frühzeitig erkannt wird. Erste Warnsignale sind ungewollter Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit oder anhaltende Müdigkeit. Auch eine veränderte Nahrungsaufnahme, etwa durch schnelle Sättigung oder den Verzicht auf Mahlzeiten, kann darauf hinweisen, dass eine gezielte Ernährungsunterstützung notwendig ist.

Wenn der Körper zu wenig bekommt

Eine unzureichende Ernährung kann sich auf verschiedene Weise auf den Körper auswirken und den Verlauf einer Krebserkrankung beeinflussen:

Muskelabbau (Sarkopenie):

Wenn der Körper nicht genügend Nährstoffe erhält, greift er auf eigene Reserven zurück, was zu einem Abbau von Muskelmasse führen kann. Dies beeinträchtigt nicht nur die körperliche Kraft und Mobilität, sondern auch das Immunsystem, das eine wichtige Rolle im Heilungsprozess spielt.

Therapie-verträglichkeit:

Studien zeigen, dass Patient:innen mit Mangelernährung empfindlicher auf Krebstherapien reagieren und häufiger unter Nebenwirkungen wie erhöhter Müdigkeit, Infektanfälligkeit oder einer längeren Erholungszeit nach den Behandlungen leiden.6

Verlängerte Krankenhaus-aufenthalte:

Ein schlechter Ernährungszustand kann die Genesung verlangsamen, was zu einer längeren Verweildauer im Krankenhaus führen kann.4

Ernährung bei Krebs: Zwischen Fakten und Mythen

Trotz der hohen Bedeutung der Ernährungstherapie gibt es viele widersprüchliche Empfehlungen dazu, was Krebspatient:innen essen sollten – nicht alle sind wissenschaftlich belegt. Doch welche Ratschläge helfen wirklich, und welche Mythen können sogar schaden?

1. Mythos: „Man kann den Tumor aushungern"

Ein fataler Irrglaube. Der Tumor „bedient“ sich vorrangig an den Nährstoffreserven des Körpers – insbesondere aus der Muskulatur. Hungern schwächt daher nur den Körper und nicht die Krebserkrankung.

2. Mythos: „Zucker fördert Krebswachstum"

Zwar nutzen Krebszellen Glukose als Energiequelle, aber der vollständige Verzicht auf Zucker oder Kohlenhydrate bringt keine Vorteile. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist entscheidend.

3. Mythos: „Superfoods können Krebs heilen"

Lebensmittel wie Kurkuma oder Ingwer werden oft als „Superfoods“ bezeichnet und ihnen werden gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben. Obwohl einige Inhaltsstoffe dieser Lebensmittel in Laborstudien und Tierversuchen positive Effekte, wie beispielsweise eine wachstumshemmende Wirkung auf Krebszellen, gezeigt haben, ist ihre Wirksamkeit beim Menschen nicht belegt. Ein Problem besteht darin, dass die in Studien verwendeten Konzentrationen oft sehr hoch sind und die Bioverfügbarkeit dieser Stoffe im menschlichen Körper begrenzt ist. Daher ersetzen solche Lebensmittel keinesfalls eine wissenschaftlich fundierte Ernährungstherapie.7

Wie findet man die richtige Ernährungstherapie?

Nicht jede Ernährungsstrategie eignet sich für jede:n Krebspatient:in. Entscheidend ist eine individuelle Anpassung an die Erkrankung, den Therapieplan und mögliche Beschwerden. In vielen Fällen reicht eine Anpassung der täglichen Ernährung unter Anleitung einer Diätolog:in aus, um den Nährstoffbedarf zu decken und den Körper zu unterstützen.

Wenn jedoch eine normale Ernährung nicht mehr ausreicht, kann eine medizinische Ernährungstherapie notwendig werden. Diese umfasst den gezielten Einsatz hochkalorischer Trink- oder Sondennahrung (enteral, z.B. Fresubin) bis hin zur Ernährung über die Vene in Form einer Infusion (parenteral), um eine ausreichende Energie- und Nährstoffversorgung sicherzustellen. Da eine medizinische Ernährungstherapie auf den individuellen Bedarf abgestimmt sein muss, darf sie nur von Ärzt:innen oder Diätolog:innen verordnet werden.

Fazit: Aktiv werden – je früher, desto besser!

Ernährung ist ein entscheidender Faktor für den Therapieerfolg und die Lebensqualität. Patient:innen sollten frühzeitig mit ihrem Behandlungsteam über eine mögliche Ernährungstherapie sprechen. Onkolog:innen, Diätolog:innen oder Ernährungsberater:innen sind die ersten Ansprechpersonen, wenn es um eine gezielte Ernährungsunterstützung geht. Auch Hausärzt:innen, Pflegekräfte oder spezialisierte Homecare-Services können wertvolle Unterstützung bieten und die richtige Versorgung sicherstellen. Wer gut versorgt ist, hat bessere Chancen, die Therapie erfolgreich zu bewältigen und sich schneller zu erholen. In diesem Sinne: Nicht abwarten – aktiv werden!

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Die unterstützende Ernährung sollte zu den individuellen Bedürfnissen passen. Nur gemeinsam mit medizinischem Fachpersonal können Betroffene eine optimale Lösung finden.

1Muscaritoli M, Lucia S, Farcomeni A, Lorusso V, Saracino V, Barone C, Plastino F, Gori S, Magarotto R, Carteni G, Chiurazzi B, Pavese I, Marchetti L, Zagonel V, Bergo E, Tonini G, Imperatori M, Iacono C, Maiorana L, Pinto C, Rubino D, Cavanna L, Di Cicilia R, Gamucci T, Quadrini S, Palazzo S, Minardi S, Merlano M, Colucci G, Marchetti P; PreMiO Study Group. Prevalence of malnutrition in patients at first medical oncology visit: the PreMiO study. Oncotarget. 2017 Aug 10;8(45):79884-79896. doi: 10.18632/oncotarget.20168. PMID: 29108370; PMCID: PMC5668103.
2Deutsche Krebsgesellschaft (2024). Mangelernährung bei Krebspatient:innen. Verfügbar unter: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/nebenwirkungen-der-therapie/beschwerden-bei-krebstherapien-und-gegenmassnahmen/man.html#:~:text=Bei%20Krebspatient*innen%20kommt%20es,Prozent%20von%20ihnen%20sind%20betroffen (Zugriff am: 17.03.2025)
3Arends J, Bachmann P, Baracos V, Barthelemy N, Bertz H, Bozzetti F, Fearon K, Hütterer E, Isenring E, Kaasa S, Krznaric Z, Laird B, Larsson M, Laviano A, Mühlebach S, Muscaritoli M, Oldervoll L, Ravasco P, Solheim T, Strasser F, de van der Schueren M, Preiser JC. ESPEN guidelines on nutrition in cancer patients. Clin Nutr. 2017 Feb;36(1):11-48. doi: 10.1016/j.clnu.2016.07.015. Epub 2016 Aug 6. PMID: 27637832.
4Muscaritoli, M., Arends, J., Bachmann, P., Baracos, V., Barthelemy, N., Bertz, H., … & Zurcher, G. (2021). ESPEN practical guideline: Clinical Nutrition in Cancer. Clinical Nutrition, 40(5), 2898-2913.
5Laviano, A., Koverech, A., & Seelaender, M. (2016). Emerging issue in cachexia and nutritional status in cancer. Current Opinion in Clinical Nutrition and Metabolic Care, 19(4), 223-226
6Biesalski, H. K., Espen, E. G., & Arends, J. (2018). Evidence-based nutrition in cancer treatment. Nutrition, 55, 1-6.
7Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums. (2024). Was ist dran: Kurkuma bei Krebs?. Abgerufen am 17. März 2025, von https://www.krebsinformationsdienst.de/fachkreise/nachrichten/detail/was-ist-dran-kurkuma-bei-krebs
8DGEM – Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin. (2024). Medizinische Ernährung in der Onkologie.
9Warburg, O. (1956). On the origin of cancer cells. Science, 123(3191), 309–314. https://doi.org/10.1126/science.123.3191.309
10Argilés, J. M., Busquets, S., Stemmler, B., & López-Soriano, F. J. (2014). Cancer cachexia: Understanding the molecular basis. Nature Reviews Cancer, 14(11), 754–762. https://doi.org/10.1038/nrc3829
11Z. B. die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM)
12Laviano, A., Di Lazzaro, L., Koverech, A. (2016). Nutrition support and clinical outcome in advanced cancer patients. Proceedings of the Nutrition Society, 75(2), 176–180. https://doi.org/10.1017/S0029665116000247
13Baracos, V. E., Martin, L., Korc, M., Guttridge, D. C., & Fearon, K. C. (2018). Cancer-associated cachexia. Nature Reviews Disease Primers, 4(1), 17105. https://doi.org/10.1038/nrdp.2018.4
14DGEM – Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (2017). S3-Leitlinie Klinische Ernährung in der Onkologie.
15Aoyagi T, Terracina KP, Raza A, Matsubara H, Takabe K. Cancer cachexia, mechanism and treatment. World J Gastrointest Oncol. 2015 Apr 15;7(4):17-29. doi: 10.4251/wjgo.v7.i4.17. PMID: 25897346; PMCID: PMC4398892.
16https://www.krebshilfe.net/beratung-hilfe/leben-mit-krebs/ernaehrung-bei-krebs