Warnsignale erkennen

Wann ist eine Ernährungstherapie notwendig?

Gewichtsverlust und Appetitlosigkeit gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen einer Krebserkrankung – werden jedoch oft unterschätzt. Studien zeigen, dass bereits beim ersten onkologischen Termin mehr als ein Drittel der Patient:innen einen ungewollten Gewichtsverlust von über 5 % aufweisen.1 „Viele Patient:innen merken gar nicht, dass sie an Muskelmasse verlieren“, erklärt Onkologe Dr. Ralph Simanek, ärztlicher Leiter der Hämatologischen Ambulanz im Gesundheitszentrum Floridsdorf. „Gerade am Anfang der Erkrankung stehen andere Dinge im Vordergrund – Untersuchungen, Diagnosen, Therapieplanung. Ernährung wird oft erst dann ein Thema, wenn es bereits zu Problemen kommt.“

Bereits in diesem frühen Stadium wäre es wichtig und notwendig, den Ernährungsstatus zu erheben, da der Beginn der Abnahme von Gewicht und Muskelmasse der beste und effektivste Zeitpunkt ist, um die Negativspirale zu durchbrechen: Je früher Mangelernährung erkannt wird, desto besser lässt sie sich behandeln.

Ralf Simanek

Gerade am Anfang der Erkrankung stehen andere Dinge im Vordergrund – Untersuchungen, Diagnosen, Therapieplanung. Ernährung wird oft erst dann ein Thema, wenn es bereits zu Problemen kommt.

Dr. Ralph Simanek ÄRZTLICHER LEITER DER HÄMATOLOGIE AMBULANZ IM GESUNDHEITSZENTRUM FLORIDSDORF

Bereits in diesem frühen Stadium wäre es wichtig und notwendig, den Ernährungsstatus zu erheben, da der Beginn der Abnahme von Gewicht und Muskelmasse der beste und effektivste Zeitpunkt ist, um die Negativspirale zu durchbrechen: Je früher Mangelernährung erkannt wird, desto besser lässt sie sich behandeln.

 

Warum verlieren viele Krebspatient:innen ungewollt an Gewicht?

Die Ursachen für ungewollten Gewichtsverlust bei Krebspatient:innen sind vielfältig. Einerseits führen Nebenwirkungen der Krebstherapie wie Übelkeit, Geschmacksveränderungen oder Appetitlosigkeit dazu, dass Betroffene weniger Nahrung aufnehmen.8 Andererseits beeinflusst die Erkrankung selbst den Stoffwechsel: Tumorzellen nehmen am liebsten Zucker auf, um Energie zu gewinnen. Speziell ist auch, dass Krebszellen diesen Zucker vergären, anstatt ihn mithilfe von Sauerstoff möglichst effizient zu verbrennen, wie es eine „normale“ Zelle machen würde (man nennt das Glykolyse). Wenn der Zucker nicht über Nahrung zugeführt wird, holt sich die entartete Zelle diesen z. B. aus dem Muskel. Als Endprodukt bei dieser Art der Energiegewinnung entsteht Lactat, was zu einem sauren Milieu führt, das die Krebszelle schützt. Bekannt ist dieses Phänomen als „Warburg Effekt“.9 Dies führt dazu, dass der Körper vermehrt Energie verbraucht, während gleichzeitig entzündliche Prozesse verstärkt werden, die den Muskelabbau beschleunigen.10.

Ein weiteres Problem ist die sogenannte Krebskachexie (Verlust von über 5 % des Körpergewichts in Kombination mit anderen Phänomenen wie erhöhte Entzündungswerte, Blutarmut, Abgeschlagenheit oder Abnahme der Muskelkraft). Es handelt sich dabei um eine als Folge von Krebs auftretende Stoffwechselstörung, die zu Auszehrung (Kachexie) und Abmagerung führt. Kachexie tritt insbesondere bei bösartigen Tumoren auf, die den Verdauungstrakt betreffen.4

Laut Dr. Simanek haben viele Patient:innen zunächst sogar das Gefühl, dass eine Gewichtsabnahme positiv sei. „Gerade übergewichtige Patient:innen freuen sich anfangs, dass sie abnehmen. Doch das Problem ist: Es geht nicht um Fett, sondern um Muskeln. Und dieser Muskelschwund hat direkte Auswirkungen auf die körperliche Belastbarkeit und die Therapieerfolge.“

Wann sollte man aktiv nach einer Ernährungstherapie fragen?

Viele Betroffene und Angehörige sind sich unsicher, wann der richtige Zeitpunkt ist, eine Ernährungstherapie in Anspruch zu nehmen. Die onkologische Pflegeexpertin Daniela Haselmayer betont, wie wichtig es ist, Patient:innen behutsam an das Thema heranzuführen: „In den ersten Wochen nach der Diagnose befinden sich viele in einem Schockzustand. Sie haben mit so vielen Informationen zu kämpfen – Ernährung steht da nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. Doch genau deshalb ist es wichtig, Schritt für Schritt aufzuklären und frühzeitig auf das Thema aufmerksam zu machen.“

Internationale Leitlinien empfehlen daher ein regelmäßiges Screening auf Ernährungsdefizite sowie eine interdisziplinäre Betreuung, um frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen.4

Fachgesellschaften.11 und internationale Expert:innen auf dem Gebiet der onkologischen Ernährung empfehlen, spätestens bei folgenden Warnsignalen aktiv zu werden:

  • Ungewollter Gewichtsverlust innerhalb weniger Wochen: Bereits ein Verlust von nur 5 % des Körpergewichts kann die Prognose negativ beeinflussen und das Risiko für Komplikationen erhöhen.
  • Anhaltende Appetitlosigkeit: Lang anhaltender Appetitverlust kann zu einer unzureichenden Nährstoffzufuhr führen und den Krankheitsverlauf verschlechtern.4
  • Schnelle Erschöpfung und Müdigkeit (Fatigue) ohne klare Ursache: Tumorbedingte Entzündungsreaktionen können den Stoffwechsel beeinflussen und zu anhaltender Fatigue führen.10
  • Verändertes Essverhalten: Ein frühzeitiges Sättigungsgefühl oder eine drastische Reduktion der Portionsgrößen können frühe Anzeichen einer Mangelernährung sein.12
  • Muskelabbau: Der Verlust von Muskelmasse ist eine typische Folge der sogenannten Kachexie, die bei bis zu 70 % der Krebspatient:innen auftritt und den Therapieerfolg stark beeinträchtigen kann.13
Daniela Haselmayer

In den ersten Wochen nach der Diagnose befinden sich viele in einem Schockzustand. Sie haben mit so vielen Informationen zu kämpfen – Ernährung steht da nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. Doch genau deshalb ist es wichtig Schritt für Schritt aufzuklären und frühzeitig auf das Thema aufmerksam zu machen.

Daniela Haselmayer ONKOLOGISCHE PFLEGEEXPERTIN AKH WIEN

Wie erfolgt die Zusammenarbeit zwischen Onkologie und Ernährungstherapie?

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit spielt eine zentrale Rolle, wenn es um die Ernährung von Krebspatient:innen geht. In vielen Kliniken arbeiten Onkolog:innen, Diätolog:innen und Pflegekräfte eng zusammen, um eine bestmögliche Betreuung sicherzustellen. „Die Herausforderung ist, dass Ernährungstherapie nicht automatisch Teil der onkologischen Behandlung ist“, erklärt Haselmayer.

Daniela Haselmayer

Es gibt keine verpflichtenden Standards, wie frühzeitig Patient:innen über Ernährungsmaßnahmen aufgeklärt werden müssen. Vieles hängt von der Eigeninitiative der Patient:innen ab.

Daniela Haselmayer ONKOLOGISCHE PFLEGEEXPERTIN AKH WIEN

Daher sollten Betroffene aktiv nachfragen, ob eine Ernährungsberatung sinnvoll wäre – am besten bereits beim Erstgespräch oder in den ersten Wochen der Therapie. In vielen Fällen genügt es, die Ernährung anzupassen und bewusst nährstoffreiche Lebensmittel zu konsumieren. Wenn jedoch ein signifikanter Gewichtsverlust droht, kann eine medizinische Ernährungstherapie notwendig werden.

Gewicht im Blick behalten: Prävention durch regelmäßiges Monitoring

Ein regelmäßiges Gewichtmonitoring kann helfen, Mangelernährung frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern. Idealerweise sollte das Körpergewicht mindestens einmal pro Woche gemessen und dokumentiert werden. Zeigt sich innerhalb kurzer Zeit ein ungewollter Gewichtsverlust von mehr als zwei Kilogramm, ist es ratsam, ärztlichen Rat einzuholen.

„Viele unterschätzen, wie wichtig es ist, das Gewicht regelmäßig zu überprüfen“, erklärt Dr. Simanek. „Besonders bei Krebspatient:innen kann der Körper schnell auf ein Energiedefizit reagieren. Wenn man merkt, dass das Gewicht sinkt, sollte sofort eine Anpassung der Ernährung erfolgen.“

Auch subtile Veränderungen wie nachlassende Muskelkraft oder eine zunehmende Erschöpfung sollten ernst genommen werden, da sie auf eine unzureichende Nährstoffversorgung hinweisen können. Wer frühzeitig mit Diätolog:innen oder Ernährungsberater:innen über Anpassungen spricht, kann gezielt Maßnahmen ergreifen, um den Ernährungszustand zu stabilisieren und die körperliche Belastbarkeit zu erhalten.

1Muscaritoli M, Lucia S, Farcomeni A, Lorusso V, Saracino V, Barone C, Plastino F, Gori S, Magarotto R, Carteni G, Chiurazzi B, Pavese I, Marchetti L, Zagonel V, Bergo E, Tonini G, Imperatori M, Iacono C, Maiorana L, Pinto C, Rubino D, Cavanna L, Di Cicilia R, Gamucci T, Quadrini S, Palazzo S, Minardi S, Merlano M, Colucci G, Marchetti P; PreMiO Study Group. Prevalence of malnutrition in patients at first medical oncology visit: the PreMiO study. Oncotarget. 2017 Aug 10;8(45):79884-79896. doi: 10.18632/oncotarget.20168. PMID: 29108370; PMCID: PMC5668103.
2Deutsche Krebsgesellschaft (2024). Mangelernährung bei Krebspatient:innen. Verfügbar unter: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/nebenwirkungen-der-therapie/beschwerden-bei-krebstherapien-und-gegenmassnahmen/man.html#:~:text=Bei%20Krebspatient*innen%20kommt%20es,Prozent%20von%20ihnen%20sind%20betroffen (Zugriff am: 17.03.2025)
3Arends J, Bachmann P, Baracos V, Barthelemy N, Bertz H, Bozzetti F, Fearon K, Hütterer E, Isenring E, Kaasa S, Krznaric Z, Laird B, Larsson M, Laviano A, Mühlebach S, Muscaritoli M, Oldervoll L, Ravasco P, Solheim T, Strasser F, de van der Schueren M, Preiser JC. ESPEN guidelines on nutrition in cancer patients. Clin Nutr. 2017 Feb;36(1):11-48. doi: 10.1016/j.clnu.2016.07.015. Epub 2016 Aug 6. PMID: 27637832.
4Muscaritoli, M., Arends, J., Bachmann, P., Baracos, V., Barthelemy, N., Bertz, H., … & Zurcher, G. (2021). ESPEN practical guideline: Clinical Nutrition in Cancer. Clinical Nutrition, 40(5), 2898-2913.
5Laviano, A., Koverech, A., & Seelaender, M. (2016). Emerging issue in cachexia and nutritional status in cancer. Current Opinion in Clinical Nutrition and Metabolic Care, 19(4), 223-226
6Biesalski, H. K., Espen, E. G., & Arends, J. (2018). Evidence-based nutrition in cancer treatment. Nutrition, 55, 1-6.
7Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums. (2024). Was ist dran: Kurkuma bei Krebs?. Abgerufen am 17. März 2025, von https://www.krebsinformationsdienst.de/fachkreise/nachrichten/detail/was-ist-dran-kurkuma-bei-krebs
8DGEM – Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin. (2024). Medizinische Ernährung in der Onkologie.
9Warburg, O. (1956). On the origin of cancer cells. Science, 123(3191), 309–314. https://doi.org/10.1126/science.123.3191.309
10Argilés, J. M., Busquets, S., Stemmler, B., & López-Soriano, F. J. (2014). Cancer cachexia: Understanding the molecular basis. Nature Reviews Cancer, 14(11), 754–762. https://doi.org/10.1038/nrc3829
11Z. B. die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM)
12Laviano, A., Di Lazzaro, L., Koverech, A. (2016). Nutrition support and clinical outcome in advanced cancer patients. Proceedings of the Nutrition Society, 75(2), 176–180. https://doi.org/10.1017/S0029665116000247
13Baracos, V. E., Martin, L., Korc, M., Guttridge, D. C., & Fearon, K. C. (2018). Cancer-associated cachexia. Nature Reviews Disease Primers, 4(1), 17105. https://doi.org/10.1038/nrdp.2018.4
14DGEM – Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (2017). S3-Leitlinie Klinische Ernährung in der Onkologie.
15Aoyagi T, Terracina KP, Raza A, Matsubara H, Takabe K. Cancer cachexia, mechanism and treatment. World J Gastrointest Oncol. 2015 Apr 15;7(4):17-29. doi: 10.4251/wjgo.v7.i4.17. PMID: 25897346; PMCID: PMC4398892.